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Die Männertracht des Hanauerlandes

Brauchtum | Volkskultur | Tradition

Tracht, Männer, Hanauerland, Brauchtum, Volkskultur

Die Männertracht besteht aus einem schwarzen, mit weißem Flanell gefütterten Überrock mit Haften und großen flachen Knöpfen, der bis unter die Knie hinabreichte und an den Schnitt der Gehrröcke (Redingote) aus dem 18. Jahrhundert erinnert. Bei Wohlhabenden war dieser Rock aus schwarzem Tuch bei weniger Bemittelten aus schwarz gefärbten, geglätteten Drilch.

Ledige Burschen trugen an Sonn- und Feiertagen ein kurzes Jäckchen aus weißem Pikee, die sogenannte Mutze, die mit Reihen goldfarbener Metallknöpfen besetzt war.

Nach Aufzeichnungen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist bekannt, dass zum Teil auch werktags die Tracht, insbesondere von den Flößern getragen wurde. Hier jedoch statt des schwarzen Mantels einen einfachen, kaum zugeknöpften weißen Kittel aus Baumwolle oder ungebleichtem Leinen, der mit weißem Flanell aufgefüttert war. Später wurde dann zur Arbeit auch ein langer, dunkel eingefärbter Zwilchrock mit gleicher Hose getragen. Bei Burschen waren hier auch weiße Leinenhosen beliebt.

Bei Männer wie Burschen war ansonsten das normale Beinkleid die schwarze Lederhose mit dem breiten, nach vorne aufknöpfbaren Hosenlatz. Die Lederhose reichte bis kurz unter die Knie und wurde dort zusammengebunden. Franz J. Grieshofer (Studium der Volkskunde an der Universität Innsbruck/Tirol)) schreibt in seinem Buch über die Lederhose: „Die Lederhose ist weder von einem bayrischen Wildschützen noch von einem Tiroler Freiheitshelden erfunden worden- sie ist uralt, schon die alten Germanen kannten sie“. Im Hanauerland waren sie schwarz gefärbt, in anderen deutschen Gegenden oft auch braun, naturfarben und weiß.

Bei der Lederhose hat wohl mit großer Sicherheit auch ein sozialer Aspekt mitgespielt, da die Bauern meist nicht wohlhabend waren und Lederhosen durch das vorhandene Ausgangsmaterial erschwinglich, äußerst strapazierfähig und über viele Jahre hinweg haltbar waren.

Der Adel dagegen lehnte sie lange als „Bauernhose“ ab und trug stattdessen Kniebundhosen aus kostbaren Stoffen wie Samt und Seide. Erst in den späteren Zeitepochen, vor allem im 19. Jahrhundert, zeigte er sich immer wieder in Lederhosen, wie z.B. Kaiser Franz Joseph der bei jeder Gelegenheit in der „ledernen“ erschien um somit seine Volksverbundenheit zu demonstrieren. Nicht nur im Hanauerland, sondern auch in anderen zahlreichen Gegenden der Ortenau wie z.B. Schutterwald, Urloffen, Appenweier, Ried, Renchtal, Bühlertal, Gutach u.v.a. wurden nachweislich einst Lederhosen getragen.

Hier hat sich in der Hanauer Tracht, wie den anderen Ortenauer Trachten mit den heutigen schwarzen Kniebundhosen aus Stoff ein Wandel vollzogen. Der Übergang von Lederhosen zu Stoffhosen fand hier in etwa um die Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts statt. Es ist anzunehmen, dass dies mit dem Verschwinden der Männertracht aus dem täglichen Leben gegen Ende des 19. Jahrhunderts und der späteren Neubelegung durch Vereine aus Modegründen oder evtl. sozialen Aspekten, wie dass ein guter Stoffe eben einen hören sozialen Stellenwert wie Leder hatte, zusammenhängt.

Lange Stoffhosen, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Ortenauer Trachten uns immer wieder auf Abbildungen und Beschreibungen begegnen, stammen aus der Zeit der französischen Revolution und sind in Südwestdeutschland (Pfalz) etwa ab 1840 bekannt.

Ein besonderes Trachtenteil wurde einst zur schwarzen Lederhose getragen und ist heute völlig verschwunden: Der besonders reizvolle breite Gürtel der auch „Bauchranzen“ genannt wurde. Dieser war reichlich mit allerlei Motiven bestickt und verdankt seine Entstehung der Gewohnheit, das Geld in einem um die Leibesmitte gelegten, schlauchförmigen Gürtel zu tragen. Um den inneren Wert auch nach außen zu zeigen, begann man die „Geldkatzen“ bald zu verzieren. Daraus wurde ein Luxus, dem sich kein Mann, der was auf sich hielt, entziehen konnte.

Ein solches Exemplar ist heute noch vorhanden und im Hanauer Museum in der ehemaligen Essigfabrik Kork ausgestellt. In Bayern und Österreich ist die Art der Gürtel noch vielerorts Bestandteil der Tracht, aber hat sich hier überwiegend zu den später aufkommenden Federkielbestickten Ledergürtel gewandelt.

Zu den schwarzen Lederhosen wurde ein Brusttuch (Weste) aus scharlachrotem Wollstoff getragen, das einen runden Halsausschnitt hatte und über die Schulter zum Rücken hin mit gekreuzten Trägern zusammenläuft. Der Schnitt ist nach der Art eines altertümlichen Wamses. Das Brusttuch war an sämtlichen Rändern mit grün- oder gelbeseidener Bandeinfassung geziert. Die Brustseite war mit gelbseidenen Stickereien wie ein Herz, Jahres,- und Namensinitialien und auch vielen anderen Stickmustern verziert. Das Brusttuch war an der Seite mit einer Reihe Metallknöpfen besetzt und wurde mit Messinghaften geschlossen.

Auch hier konnte ein Hinweis aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gefunden werden, dass die Hanauer Flößer dieses Brusttuch auch werktags zu den schwarzen Lederhosen trugen:“…. läßt den Blick auf eine rotwollige Weste zu, deren Farbe durch langen Gebrauch und Wind und Wetter bereits eine abenteuerliche Tönung angenommen hat. An Sonn- und Feiertagen wird meistens eine neue Weste getragen“.

Über dieses Brusttuch hinweg liefen die schwarzledernen Hosenträger die mit ihren beiden äußeren Enden an den Hosenbund angenestelt oder angehakt wurden. Die Festmachung durch Knöpfe hat erst die spätere Zeit gebracht. Auch bei den Hosenträgern hat zur heutigen Form eine Wandlung stattgefunden. Bei der alten ursprünglichen Form waren nicht die beiden Schulterträger bestickt, sondern diese waren mit einem besonders breiten Mittelsteg auf der Brustseite verbunden, der mit Stickmotiven wie Blätter umrandende Herzen, Pflanzen und Kleeblattmotiven in bunt oder weiß reich bestickt war. Auch im Rücken verlief entsprechend dem Mittelsteg der Brustseite ein Verbindungssteg von Gurt zu Gurt der allerding hier nicht bestickt war.

Bei der heute auftretenden Form sind die Mittelstege nur noch selten vorhanden, die heutigen Hosenträger werden auf dem Rücken gekreuzt getragen. Die neue Form der bestickten beiden Schulterträger ohne Mittelsteg finden wir ebenfalls erst etwa ab der Zeit zur Wende ins 20. Jahrhundert.

Vom Mittelsteg weg zur Bauchmitte nach unten hin gingen noch zwei Schiefstege zum Hosenbund und waren dort zusammen angenestelt, eingehakt oder eingeknöpft. Die Hosenträger waren der ganze Stolz der Männer und Burschen, da die Stickereien meist von den Frauen und Mädchen für ihren auserwählten angefertigt wurden.

Der Kopf wurde durch einen großen runden Filzhut bedeckt, den der Freiherr von Buwinghausen-Wallmerode bei einer Bereisung des Schwarzwaldes im Jahr 1770 nach der Art „der alten Teutschen“ beschreibt. Zu manchen Zeiten wurde der Hut linksseitig hinaufgeschlagen. Im Sommer wurde dieser Hut bei der Arbeit durch einen großen, breitkrempigen Strohhut ersetzt. Werktags wurde auch gerne eine weiß, baumwollene Zipfelmütze getragen.

Seit Anfang des 18. Jahrhunderts traten der Einspitz- (Hornhut) und der Dreispitz (Nebelspalter) in Erscheinung. Diese beiden Hutformen wurden im Hanauerland meist zu festlichen Anlässen bis ins späte 19. Jahrhundert getragen. Bei einer Hochzeit verzierten der Bräutigam und seine Brautführer den Hut mit einem gewaltigen mit Schleifbändern geschmückten Blumenstrauß. So ging bereits schon vor der Hochzeit der „Hochzeitslader“, der in Tracht gekleidet und mit Blumen verziert war, von Haus zu Haus um mit bestimmten Sprüchen die Hochzeitsgäste einzuladen.

Zu den anderen Kopfbedeckungen wurde immer auch eine Pelzmütze getragen. Diese war aus Iltis- oder Marderpelz und mit grünem Samtboden und goldenen Quästchen bestückt.

Der heute im Volksmund oft verbreitete Annahme, die Pelzmütze sein ein Andenken der Hanauer Bauern, die als Kriegsteilnehmer 1812 an den napoleonischen Feldzügen gegen Russland teilnehmen mussten und diese so in die Tracht übernahmen, kann mit großer Sicherheit widersprochen werden.

Sicherlich stark wurde bei der heutigen Meinung dieses falsche Bild „Pelzkappe=Russland=Hanauer Tracht“ durch die Erlebnisse und Erzählungen der Kriegsgeneration des 2. Weltkrieges mitbeeinflusst. Gerade hier wurde ja das russische Militär mit Pelzkappen bedeckt kennengelernt, was mitunter wohl auch dazu geführt hat, dass die Allgemeinheit dieses vermittelte Bild mit dem Schicksal der Hanauer von 1812 gleichsetzte bzw. vermischte und heute der Meinung ist, dass die Pelzmütze nur so den Einzug in die Hanauer Tracht gefunden haben könnte.

Das dies nicht so ist, beweist, die Tatsache, dass die Pelzmütze keine Besonderheit des Hanauerlandes ist, sondern schon lange vor Napoleon als Kopfbedeckung über ganz Deutschland verbreitet war und bereits in späten Mittelalter, insbesondere vom Adel getragen wurde. Da ja die Bauern gerne dem Adel nacheiferten, fand sie so als gewisser Nachahmungseffekt den Einzug in die Bauerntracht und ist so heute noch Bestandteil in vielen deutschen Trachten.

Auf einer Trachtenbeschreibung aus dem Jahr 1739 beschreibt Pater Johann Nepomuk Maichelbeck vom Kloster St. Peter im Schwarzwald die dortige Tracht mit Pelzkappen. In der Bay. Staatsgalerie München ist auf einem Gemälde aus dem Jahr 1772 der Pfälzer Bauer Peter Kymli mit Pelzkappe tragend abgebbildet. Albert Kretschmer nennt sie in seinen Aufzeichnungen der Volktrachten zwischen 1864 und 1870 schlichtweg als „die deutsche Bauernmütze“. Hans v.d. Au beschreibt in seinen Aufzeichnungen der Odenwälder Tracht sie sogar an einem „Rest Urtrachtlichem“: Wie in vielen Gegenden Deutschlands trugen im Hanauerland Sommers wie Winters die Burschen die Pelzkappe, sowohl die Männer sie auch im Wechsel mit den anderen Kopfbedeckungen.

Das Schuhwerk waren schwarze Lederhalbschule mit roter, bisweilen auch brauner oder gelber hoher Lasche, die meist Sonn und Feiertags mit weißen, werktags mit blauen oder graufarbenen Wadenstrümpfe getragen wurden. Zur Männertracht wurde nicht nur Werktags, sondern später auch Sonn- und Feiertags mit Vorliebe schwarze, langschäftige Rohrstiefel zur schwarzen Kniebundlederhose getragen, die besonders bei Fischern und Flößern eingebürgert waren. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gehörten auch Holzschuhe zur Werktagstracht.

Wie auf vielen alten Abbildungen der letzten Jahrhunderte zu finden ist, trugen die Bauernmänner schon damals bereits nicht selten kleine goldene Ohrringe, das ein Sympathiemittel gegen wehe Aussagen, Ausschläge und andere Leiden gewesen ist und nicht wie heute oft angenommen eine neuzeitliche Modeerscheinung des späten 20. Jahrhunderts ist.

Eine einheitliche Werktagstracht hat es sicherlich nicht gegeben, da die Arbeitskleidung immer viel zu stark nach ihrem praktischen Nutzen ausgerichtet war und sich somit auch stets mit den jeweiligen Zeitepochen änderte. Wurde wie überliefert, die Werktagskleidung der Flößer in der früheren Zeit noch mit Trachtenbestandteilen der Festtagstracht beschrieben, so ist nicht sicher, ob die Landwirte, also die Nichtflößer diese auch Werktags trugen. Sicher ist jedoch, dass mit dem Verschwinden der Flößerei auch die Tracht im alltäglichen Gebrauch allmählich verschwunden und durch die praktischere, wohl auf der Mode der jeweiligen Zeitepoche angepasst entsprechend ersetzt worden ist.

Zur Arbeit wurden dann z.B. blaugestreifte Bundblusen oder weiße Leinenhemden getragen. Dies Kniebundhosen wurden später durch lange Hosen ersetzt und waren aus naturfarbenen oder selbstgefärbten Drell. In der neueren Zeit wurden dann auch blaue Arbeitsschürzen und blaue oder grüne Arbeitsmützen getragen.

Aus einer Aufzeichnung aus dem Jahr 1860 von Lallemand ist überliefert, dass nicht nur die Flößer Werktags einst Teile der Festtagstracht trugen. Welchen großen Eindruck ein Hanauer Jäger wohl beim ihm hinterlassen haben muss, schildert er in seinen Aufzeichnungen mit den Worten: „Der gute Mann, ist ein ländlicher Jäger aus dem Hanauerland ein so bemerkenswerter wie wunderlicher Kerl. Den Kopf bedeckt von einem gewaltigen Hut, in einen riesigen Gehrock wie ein Regenschirm in seine Hülle eingepackt, mit seinen großen Flößerstiefeln und Jagdgerätschaften ausstaffiert, durchquert der Hanauer Bauer mit gewichtiger Miene und gemessenen Schrittes die wildreichen Ebenen seinen Landes, und das Wild soll sich offenbar schon allein bei seinem Anblick ducken“.

Wie stolz in Tracht gekleidet die Hanauer Rekruten, die hier „Spielbuben“ (von ausspielen) genannt wurden zur Musterung erschienen, beschreibt eine detaillierte Aufzeichnung die das ausgehende 19. Jahrhundert betrifft: „So ein Spielbub war ein gar flott aussehender Bauernbursche, in der schmucken Hanauertracht des Dorfes.

Den weißen Mutzen zierten blanke Messingknöpfe, dazu trug man über den schweren, noch aus der Zeit der Kinzigflößerei überkommenen Langschäften (Stiefel), eine Latzhose (gemeint ist der Hosenlatz) aus Leder oder schwerem Tuch mit bunten Hosenträgern, die vom Schatz eigens zur Musterung mit Herz und Blumen bestickt und geschenkt waren.

Der Spielbub trug ein kräftiges, weißes Leinenhemd, das beim z`Licht gehen von fleißigen Frauenhänden gesponnen wurde, mit einem daran befindlichen Umlegekragen und ein schwarzes Halstuch aus Seide, das man zu einem breiten Knoten band.

Auf der, von jedem Burschen mit berechtigtem Stolze getragenen Mütze aus Marderpelz, dem besonderen Wahrzeichen der männlichen Hanauertracht, wurde der Rekrutenstrauß und damit der eigentliche Schmuck des Spielbuben aufgesteckt. Diesen bildeten üppige Goldähren, Goldperlen und immergrüne Blätter, die mit dem einfarbigen Straußbändel zusammengebunden wurden.

Von dem Strauße fielen kurz und lange, teils bis zum Boden reichende Seidenbänder in allen Farben und Breiten. Zu nennen ist da vor allem ein geblumtes und vielfarbenes Band von der Allerliebsten geschenkt, ein Band, das später in der Ehe als Kunkelband am Spinnrad verwendet wurde. Zwei kürzere schmale Seifenbänder wurden bei der Hochzeit die Strumpfbänder der Braut.

Wurde er Spielbub zum Militärdienst eingezogen, so trug er im Hinblick auf die kommende Trennung von Schatz und Heimat, ein breites, schwarzes Band mit goldenen Fransen. Wer frei wurde trug ein breites rotes Band als Zeichen der Freude, die das Landvolk gerne in bunten Farben Kund gibt. Strauß und Bänder waren je nach Reichtum des Burschen größer oder kleiner, reicher oder weniger reich. Waren Bursche und Bekanntschaft gar zu arm, so taten es an Stelle der Seidenbänder auch solche aus Leinen. In festlicher Tracht und festlichen Wagen fuhren immer nur die Spielbuben, d.h. der jüngste Jahrgang.

(C) Text & Bild | Hubertus Kahl. Alle Rechte vorbehalten!

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